Donnerstag, August 28, 2008

Endzeitstimmung

Worauf ich mich in Deutschland freue:
Im Alaunpark und an Prießnitz spazieren gehen
Brötchen holen
Auf dem Wochenmarkt einkaufen
Zeitung lesen am Frühstückstisch
An der Elbe ein Bier trinken
Durch die Bibliothek durchgehen
Brunch in der Planwirtschaft
einen Dürum essen
Wieder alle meine Feeds lesen zu können



Was ich vermissen werde:
Abends allein im Schwimmbad meine Runden zu drehen
Die Obstläden, insbesondere die Cherry Tomaten
Den Leuten beim Sport, Tai Chi oder Tanzen auf der Straße zu zuschauen
Die 24 Stunden Läden
Billige Taxis
Chinesische Esskultur
Vom Klo auf den Jin Mao zu gucken
Frische Nudelsuppe


Was ich NICHT vermissen werde:
Den morgendlichen und abendlichen Kampf in der U-Bahn
Die Hitze und entsprechend die Klimaanlagen(-Luft)
Die Gerüche
Die Rotzerei
Die Huperei, generell den ständigen Lärm
Den löslichen Kaffee

Montag, August 25, 2008

Die kindliche Gesellschaft

Der Besuch des Qixing-Parkes in Guilin hat mir die Augen geöffnet; plötzlich ergaben die Mosaiksteine ein sinnvolles Bild: Die chinesische Gesellschaft ist eine infantile Gesellschaft.
Anlass dieser Schlussfolgerung war eine „Ausstellung“ von Pappmaschee-Comicfiguren in besagtem Park. Der gesamte Park, angelegt nach traditionellen Prinzipien chinesischen Park-Architektur, und sicherlich auf Feng Shui geprüft, wurde nun von grell-bunten überlebensgroßen Figuren aus Comics, Film und Fernsehen bevölkert. Begrüßt wurden wir von den Teletubbies. Ich bin mir auch sicher, dass sämtliche Pokemon Figuren vorhanden waren. Jedenfalls drängte sich angesichts dieser massiven Population an Spielzeugfiguren die Frage auf, ob die chinesische Gesellschaft eine eher kinderfreundliche oder doch eine infantile sei. Ich bin der Überzeugung, dass sie definitiv letzteres ist (ohne damit ersteres ausschließen zu müssen). Chinesen haben kein Gefühl für Mode oder Stil, bunt muss es sein. Mit viel Klimbim, Strass, Glitzer, Gold und Silber - Hauptsache auffällig. Bonbon-Kleidchen, Zöpfe und pinke Haarspangen, am liebsten wären viele Chinesinnen wohl Prinzessinnen. Dagegen gibt es das andere Extrem: Schlafanzüge und Nachthemden auch außerhalb der eigenen vier Wände zu tragen, aber das ist wohl auch die Realisierung von westlichen Kindheitsträumen. Zu dem kommt eine nicht-erklärbare Vorliebe für Mickey Mouse auch bei Damen, die das dafür gemäße Alter weit überschritten haben. Für die gesundheitsbewussten Herrschaften stehen in den Compounds Sport-Gerätschaften bereits, die nicht nur auf den ersten Blick wie Kinderspielzeug wirken. Alles muss laut sein, lustig und Spektakel. Und ein Tisch in einem Restaurant, nachdem Chinesen dort gegessen haben, macht jedem Chaos nach einem erfolgreichen Kindergeburtstag gute Konkurrenz.
Sich einen gewissen kindlichen Blick zu bewahren im Gegensatz zum überkandidelten und ewig-bedeutungsvollen Gehabe mancher Europäer ist sicherlich erfrischend. Aber die chinesische Kindlichkeit hat auch eine gewisse politische Dimension, in dem sie den Entwicklungsstand dieser Nation beschreibt. China ist eben noch in den Kinderschuhen hinsichtlich der Weltläufigkeit seiner Bürger. Darüber hinaus sind die kindliche Naivität sowie eine einfach durch Spektakel zu fesselnde Aufmerksamkeit auch nützliche Voraussetzungen, eine Diktatur aufrecht zu erhalten und eine apolitische Haltung zu kultivieren.

Dienstag, August 12, 2008

Land der unbegrenzten Möglichkeiten gegen Reich der Mitte

Diesen Beitrag schiebe ich nun schon seit einigen Monaten auf, ich hoffe ich bekomme alle Gedankenfetzen, die mir bisher dazu durch den Kopf gingen zusammen. Der Vergleich zwischen dem Leben in de USA und in China drängt sich auf, seit ich in China bin. Wenn man zum zweiten Mal im Ausland lebt, liegt es nahe, diese beiden Länder und die daraus resultierenden Lebensumstände zu vergleichen. Es ist ein sehr persönlicher Vergleich, der in keinem Fall zu einer Pauschalisierung der Länder führen soll oder darf.
Zunächst einmal gibt es einen wesentlichen Unterschied, der sich durch den gesamten weiteren Vergleich ziehen wird und noch nicht mal direkt von den jeweiligen Ländern verursacht wird. Shanghai ist eine der größten Metropolen der Welt, Alpharetta ist ein Suburb-Dorf. Das bestimmt einen wesentlichen Teil des Lebensgefühls. Subway anstatt Auto. Maglev anstatt Marta. Laufen anstatt fahren. Reis statt Burger. Vielfalt statt Einfalt. Mittendrin statt außen vor.
Unabhängig von den jeweiligen Orten gibt es aber auch viele frappierende Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten, in denen sich diese beiden großen Länder nahe kommen, und sich von Europa/ Deutschland unterscheiden. Materialismus und Patriotismus sind hier wohl die Stichworte. In China wie in USA ist Shopping und Konsumieren eine zentrale Beschäftigung, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Für Amerikaner ist es ein selbstverständlicher, von Kind an gelernter Bestandteil des Lebens. Hier ist das Neue, das protzige Zeigenwollen des Kaufenkönnens. Nach langem Nichtkaufendürfen. Und die Shopping Malls sind noch eine Spur größer, eine Spur eleganter im Hinblick auf das gierig-aber-blind-machende *Potential* des Marktes.
Patriotismus ist der Kitt der diese großen Gesellschaften zusammenhält, wenn man das so plump behaupten darf. Das Zusammenschweißen einer Nation angesichts eines äußeren Feindes oder einer inneren Katastrophe lenkt von politischen oder wirtschaftlichen Problemen ab. Nationalismus, gepaart mit quasi natürlichen Überlegenheitsgefühlen der amtierenden Weltmacht einerseits und dem wörtlich gemeinten Reich der Mitte bestimmen ihr Handeln nach außen wie nach innen. Sie halten die Fliehkräfte der extremen Gegensätze in beiden Ländern im Zaum. In China existieren sie auf engstem Raum ohne einen geographischen Puffer wie dem zwischen Slum in Altanta und reichem Vorort in Alpharetta.
Doch trotz aller Gemeinsamkeiten darf man die großen Unterschieden, vor allem die offensichtlichen nicht vergessen. China ist eine Diktatur, die USA nicht. Als Ausländer merkt man die Unterschiede nur im Detail. Im langsamen Internet, in der ständigen Meldpflicht auf Reisen, in der Tatsache, dass ich für eine Service-Firma und nicht für eine Redaktion arbeite.
Dass die Öffnung Chinas noch nicht lange währt, spürt man durch das Aufsehen, das man als westlicher, und vielleicht auch noch blonder Mensch erregt, wenn man sich außerhalb der großen Städte bewegt.
Auf der persönlichen Seite, im alltäglichen Leben spielen diese Dinge jedoch kaum eine Rolle. In beiden Ländern bin ich schnell in eine deutsche Gemeinschaft reingerutscht, in Amerika gegen meinen Willen, in China war es durchaus erhofft. Diese Gruppen machen das Leben sehr viel einfacher durch gegenseitigen Austausch, gemeinsame Unternehmung und die Sprache. Aber sie halten ein wenig davon ab, am *wahren Leben* des Landes teilzuhaben. Man muss sich anstrengen, die wenigen Gelegenheiten wahrzunehmen, in dem sich wirkliche Einblicke oder interessante Menschen auftun. Allerdings sind diese Gruppen aufgrund der so viel größeren Sprachbarriere in China sehr viel wichtiger.
Was so das tägliche Leben angeht, macht die große Stadt die Verfügbarkeit von westlichen und insbesondere europäischen Lebensmitteln einfacher. Es gibt eine ganz interessante Mischung von Angeboten aus allen Ländern. Das war in USA nicht so einfach, denn da war man ja im Westen und europäische Produkte mussten mit den amerikanischen konkurrieren. Und die Amerikaner haben ja auch Brot und Kaffee und Bier und Käse, nur leider nicht so gut.
Mit den amerikanischen Kollegen bin ich schnell auf eine freundschaftliche Basis gekommen, die auch am Privaten kratzte, aber distanziert blieb. Der engere Kontakt zu Kollegen in China hat länger gedauert, erscheint mir zurzeit aber tiefer. Das kann am ähnlichen Alter liegen oder dass man mehr miteinander lacht. Und es sind weitere Unterschiede gegeben, die nicht notwendigerweise in der Natur der Länder liegen. Bei einem Unternehmen wie Siemens zu arbeiten oder in einer Mini-Redaktion macht den Unterschied eigenverantwortlich ein Projekt mit 50.000 Dollar Budget zu planen oder um jeden neuen Stift betteln zu müssen. Nur mit Jungs rumzuhängen oder nur mit Mädels gibt ein ganz anderes Lebensgefühl, und macht manches einfacher, anderes nicht.
Also, auch wenn sich der Vergleich vielleicht aufdrängen mag, hinkt er an einigen Ecken ganz doll. Aber grundsätzlich muss ich sagen, dass der Aufenthalt in USA die Entscheidung für China und das Leben in China erst möglich gemacht hat. Aber je länger ich in China bin, desto eigenständiger wird diese Erfahrung, desto weniger wichtig wird der Vergleich.

Mittwoch, August 06, 2008

Olympia

Die anrückenden olympischen Spiele machen sich im Stadtbild von Shanghai immer deutlicher bemerkbar. Nachdem in der Metro schon seit Monaten die Bildschirme auf Olympia-Design umgestellt sind und Propaganda-Filme über gutes Verhalten laufen (ohne Effekt, zumindest was die Drängeleien betrifft), wurden jetzt die letzten noch ungenutzten Flächen mit Olympia-Plakaten oder Maskottchen beklebt. Am deutlichsten spürt man Olympia aber in den zunehmenden Sicherheitsbemühungen. Nach Anschlägen im April sitzen bereits seit einigen Monaten Sicherheitsbeamte in den Metro-Stationen und schauen in großes Gepäck. Diese Sicherheitschecks werden kontinuierlich strenger angewendet, im Shanghai Indoor Stadium gibt mittlerweile richtigen Sicherheitsscanner mit Flughafen-Equipment. Seit einigen Tagen sind alle kleinen Läden in den U-Bahn Stationen geschlossen und auch Getränke-Automaten sind außer Betrieb. Auch auf den Straßen sind viel mehr Sicherheitsleute präsent, ganz krass ist es am Shanghai-Center, wo wohl die amerikanische Delegation im Ritz-Carlton untergebracht ist. Ein Kollege von uns wurde in Beijing mit auf die Wache genommen, bis er alle Dokument wie Pass, Hotelbuchung und Flugtickets nachweisen konnte. Geschäftliche Visa zu bekommen ist mittlerweile praktisch unmöglich. So sehr sich auch die Chinesen über die Spiele freuen mögen, für Ausländer wird das Leben hier eher schwieriger. Hoffentlich werden es friedliche Spiele.